Man kann die Leipziger Oper zu ihrem neuen Ballettdirektor nur beglückwünschen. Nach Jahren in denen die Highlights hauptsächlich aus Uwe Scholz Galas bestanden, hat sich jetzt mit Mario Schröder wieder jemand gefunden der Ballettgeschichte fortschreiben will. Im Grunde ist er ja als ehemaliger Solist von Uwe Scholz geprägt, was einem auch fortwährend auffällt, allerdings auf so grandiose Weise, dass das nicht als Kritik gemeint sein kann.
Dieses Wochenende bot sich die Chance sowohl Schröders “Jim Morrison” als auch seine “Carmina Burana” zu sehen. Morrison bot für’s Erste eine gelungene Wiederbegeisterung für das Leipziger Ballet. Man erkannte den Einfluss von Uwe Scholz, auch wenn Schröder’s Choreographien insgesamt eine deutliche Spur tänzerischer, bewegter, weniger akkurat daherkamen – sicher auch der Musik der Doors geschuldet. Trotzdem war es gerade die Musik, die zweifeln liess ob sich die Doors für einen großen Opernsaal eignen. Das jeweils mindestens dreimal “riders on the storm” und “the end” angespielt wurden, deutet die fehlende Fülle des Repertoires an. So waren manche Stücke in der ersten Hälfte auch eher Nummernrevue. Mit dem “Alabama Song” setzte dann jedoch ein furioses Finale ein, tolle Bühnenbilder, klasse Dramatik, perfekte Übergänge und unvermeidlich “the end”.
Heute schliesslich wurde die “Carmina Burana” von Carl Orff und vorher “A dharma at Big Sur” von John Adams aufgeführt. Letzteres füllte die erste halbe Stunde mit einer träumerischen, im Halbdunkel angelegten, Ensemble-Choreographie, die zu fesseln wusste. Aus Dunkel, blauem Licht und einer voll “belegten” Bühne entsponn sich ein mehr und mehr flackerndes tänzerisches Brausen aus dem immer wieder Gruppen und Einzelakteure in eine Choreographie ausbrachen. Ein gelungener Einstieg.
Die der Pause folgende Carmina Burana stellt dann vieles in den Schatten was man bis dahin auf Ballett-Bühnen gesehen hat. Fast schon spielerisch setzt Schröder die einzelnen musikalischen Abschnitte in wuchtige Bilder um. Das Bühnenbild bleibt zwar ballett-typisch im Hintergrund, weiss aber dennoch den Vordergrund zu verstärken und für auffallend einprägsame Bilder und Stimmungen zu sorgen. Die gesamte Choreographie ist dem kompletten Ensemble gewidmet, es gibt praktisch keine Hauptsolisten, dafür weiss Schröder, wie schon Scholz, mit großen Tänzerzahlen umzugehen und diese gekonnt einzusetzen. Hier spürt man, anders als bei “Jim Morrison”, ständig die Musik im Nacken und das legt sich auf die gezeigten Bilder, die mal zusammenfallen in einen Punkt, mal auseinanderstreben und die gesamte Bühne füllen, dann wieder einfrieren zwischen Licht, Schatten, Räumen und menschlichen Körpern. Grandiose Szenen spielen sich ab zwischen Tänzertrauben die von der Musik auf die Bühne gezogen, wieder hinausgeschickt werden, die kurz Solisten ausspucken und wieder aufsaugen, von tänzerischer Akkuratesse im Vordergrund während sich im Halbrund der Hinterbühne zwischen herumstehenden Hochzeitskleidern Tumultszenen abspielen. Es war eine Freude dies alles vom Rang aus erleben zu dürfen. Und man wünschte sich alle drei Wochen in einem Ballett zu sitzen. Einfach der inspirierend, anregenden Wirkung wegen.
Doch das ist nicht mehr so einfach wie es das vergangene Jahrzehnt über immer war. Plötzlich sind die Leipziger Ballettvorstellungen ausverkauft. Auf Monate hinaus. Das hat zwar sicher auch etwas mit “Black Swan” zu tun, allerdings bleibt das nur ein langfristiger Effekt wenn er auf so großartige Akteure wie Mario Schröder trifft, von dem man jetzt sicher noch so einiges für die Zukunft erwarten darf.
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